Reiselust: Herzenswunsch, Flucht oder doch alles nur Illusion?

Seit wir anfangs Jahr wieder zurück aus Peru sind, zieht es mich tagtäglich raus in die weite Welt. Ich kenne dieses Gefühl seit meiner Jugend, mal mehr und mal weniger.
Das Bewusst-Werden bzw. Bewusst-Sein meiner Vergänglichkeit, verbindet mich zutiefst mit meinem Selbst und meiner Lebendigkeit.
Durch eine ganz konkrete Situation wurde ich anfangs Jahr wiederum ganz bewusst mit meiner Vergänglichkeit konfrontiert, dabei hat das Reisen sowie meine Begeisterung, die Welt zu entdecken eine ganz besondere Bedeutung erhalten.

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Obwohl ich mir meiner Vergänglichkeit durchaus bewusst bin und diese für MEIN LEBEN auch immer wieder als wegweisend ansehe, wurde sie mir an der Trauerfeier meiner Grossmutter Mitte Januar nochmal um einiges bewusster. Ich statt da am Familiengrab, wo unter anderem auch mein Vater mit seinen 31 Jahren begraben wurde und da fragte ich mich:

„Lebe ich mein Leben wirklich?!“

Und meine unmittelbare Antwort darauf: „Ja, klar! Wenn ich wüsste, ich würde morgen sterben und ich hätte nur noch einen Tag zu leben, ich könnte  in Dankbarkeit und Frieden sterben. Ich habe MEIN Leben gelebt und das beste daraus gemacht.“

Vor paar Jahren als ich noch im Hamsterrad mitrannte, mich immer rigoros anpasst und in erster Linie die Erwartungen anderer erfüllt habe, hätte ich dir an dieser Stelle noch eine ellenlange Liste an persönlichen Wünschen aufzählen können, welche ich mir aber auf später aufgeschoben habe. Damals habe ich das Leben anderer gelebt und genau diese für mich bedeutsamen Dinge würde ich nun bereuen.

In der Anfangsphase auf dem Weg zu mir selbst, habe ich mir fast bei allen Dingen und insbesondere sobald ich etwas unsicher war, die folgende Frage gestellt: „Würde ich das was ich jetzt tue, auch tun, wenn ich wüsste, morgen würde ich sterben?“ Dadurch habe ich mich schonungslos mit meiner Vergänglichkeit konfrontiert und mich ganz bewusst in mein Leben zurückgeholt. Aber genau dadurch habe ich angefangen zu leben und zwar mein Leben zu leben.

So stand ich also so da am Grab meines Vaters und fragte mich immer und immer wieder: „Gibt es wirklich nichts, das du bereuen würdest? Was würdest du tun, wenn du wüsstest, du hättest noch paar Monate zu leben?“

„Ja klar, ich würde meine Sachen packen und auf WELTREISE gehen!“ WELTREISE und seitdem scheint dieses Wort in meinem Geist festgebrannt. Ja, Welt-, Langzeitreise oder wie auch immer man dem sagen will … einfach mal planlos für unbestimmte Zeit losziehen, die Welt entdecken und eintauchen … Diese Idee, dieser Wunsch ist mir natürlich durchaus bekannt.

Reisen ist für mich die Welt entdecken, sich dabei Zeit nehmen und mit allen Sinnen eintauchen und mich selbst dabei besser kennen lernen. Reisen ist Inspiration pur. Reisen geht so oft mit einem radikalen Perspektivenwechsel einher, der manchmal zuhause in den alteingefahrenen Mustern so schwierig zu durchbrechen ist. Öffnen wir uns dazu, Länder und Kulturen kennenzulernen, lassen wir Begegnungen zu und werden wir wohl oder übel zum Nachdenken angeregt.

Reisen war für mich schon immer der Inbegriff von kompletter Freiheit. Gleichzeitig weiss ich aber, dass ich früher Reisen dazu genutzt habe, vor meiner eigenen Wahrheit zu flüchten. Ist es nun wirklich das, was ich mir sehnlichst wünsche und irgendwann mal doch noch bereuen würde, es nicht gemacht zu haben? Oder renn ich doch insgeheim wieder vor irgendetwas davon?

Gleichzeitig hab ich Angst. Dieselbe Angst, welche ich vor meinem allerersten Inspirationsvortrag hatte – die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Es ist immer dieselbe Angst, wenn ich einen Sprung aus meiner Komfortzone wage.

Und ich weiss, dass ich in diesem Zusammenhang noch mit vielen weiteren Ängsten konfrontiert würde. Sind dies nicht wiederum gerade diejenigen Ängste, welche ich eben zu vermeiden versuche und welche mich daran hindern, über mich selbst hinauszuwachsen und noch freier zu werden? 

Dem Verstand freien Lauf lassen und einfach noch etwas weiterdenken

Heimweh. Nein, das macht mir wirklich keine Sorgen. Lustig, dass mir da jetzt gerade in den Sinn kommt. Ich hatte noch nie wirklich Heimweh. Und falls dies doch plötzlich Thema sein würde, kann ich jederzeit wieder zurückkommen.

Meine freien Entscheidungen. Ich kann frei entscheiden. Meine Entscheidungen so häufig wie ich will über den Haufen werfen. Mich wieder ganz anders entscheiden. Etwas anfangen und ohne irgendwelche Begründung wieder aufhören. Ich brauche mich nicht mehr zu erklären, ich brauche keinen Plan für mein Leben. Rechtfertigen muss ich mich niemandem mehr gegenüber, weder mir, noch sonst jemandem. Ich kann mich immer und immer wieder anders entscheiden. Ich bin frei!

Geld?! Alles ist eine Frage der Prioritätensetzung! Wenn ich ganz ehrlich bin, ist Geld eine dieser ganz praktischen und äusserst faulen Ausreden, das Thema unter den Tisch zu kehren und um mich nicht mehr weiter damit auseinanderzusetzen.

Alles loslassen, zusammenpacken und einfach losziehen. Könnte ich diesen Schritt wirklich machen? Mir wird richtig mulmig. Schon nur meine äusserst lieb gewonnene Mietwohnung, einfach so aufzugeben, hält mich doch irgendwie zurück. Würden wir bei der Rückkehr wieder sowas passendes finden? Wenn dies jedoch das wirklich einzige Problem wäre, werden wir sie schlicht und einfach  untervermieten. Das ist doch auch nur so eine doofe Ausrede… Und falls wir gar ganz auf reisen bleiben oder ganz an einem anderen Ort sesshaft werden?

Job. Studio. Sicherheit. Der Gedanke daran, mein Pilates-Studio und die so lieb gewonnenen Menschen einfach so hinter mir zu lassen, tut mir weh. Gleichzeitig weiss ich, dass dies kein Hinderungsgrund wäre.

Der Gedanke daran, bei der Rückkehr in die Schweiz wieder von vorne zu beginnen, widerstrebt mir. Und wohl gerade dahinter verbirgt sich wohl meine grösste Angst, welche mich jahrelang daran gehindert hat, aus dem Hamsterrad auszusteigen: Schaff ich es, mir wieder eine eigene Existenz aufzubauen? Aber wieso eigentlich nicht? Genau das habe ich ja in den letzten zwei Jahren für mich möglich gemacht. Diese Urangst, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Ja genau, diese Angst sitzt tief.

Bei all den Befürchtungen gehe ich von derselben Ausgangslage bzw. von meinem jetzigen oder gar noch weiterzurückliegenden Entwicklungsstand aus und klammere dabei völlig aus, dass ich mich ja von Tag zu Tag verändere und weiterentwickle. Ich habe keine Ahnung und werde es im jetzigen Moment auch nie wissen, wer ich in in einem Monat, in einem halben, in einem Jahr oder in fünf Jahren bin bzw. was mich dann begeistert und erfüllt. Deshalb macht es schlicht und einfach keinen Sinn, Pläne zu machen.

Von der Zukunft wieder zurück in die Gegenwart. Das Leben spielt im Hier und Jetzt statt, ich gebe genau dem Raum, was ansteht, vertraue und lasse es entstehen, was entstehen möchte oder eben auch nicht.

Gemütliche Komfortzone: Und klar doch. Jetzt habe ich es mir ja mit meinem Studio doch ganz gemütlich eingerichtet, wieso soll ich mich nun schon wieder aus meiner Komfortzone hinausbewegen und mir das Leben unnötig schwierig machen?!

Partner. Ich verbringe sehr gerne viel Zeit mit meinem liebsten Herzensmenschen. Ich habe diese gemeinsame Zeit in den letzten Jahren unglaublich schätzen und lieben gelernt. Und natürlich würde ich sehr gerne gemeinsam mit ihm die Welt entdecken. Hätte er aber auch Lust und Freude daran bzw. wäre er bereit, mich für längere Zeit zu begleiten? Ist mein Wunsch so gross, dass ich mein Vorhaben auch auf eigene Faust machen würde? Was ist mir in meinem Leben wirklich wichtiger: zu reisen oder die Zeit mit meinem Partner zu verbringen? Hilfe?!? Ich weiss es bis heute nicht. Muss ich es denn überhaupt wissen? Vielleicht klärt sich ja eh alles von alleine.

Was mir aber klar wurde, ich muss meinen Partner in mein Vorhaben einweihen. Er weiss zwar, dass ich unglaublich gerne reise, dass ich noch viel von der Welt entdecken möchte, aber von einer Langzeitreise habe ich noch nie ernsthaft gesprochen oder davon in seiner Gegenwart laut vor mich hingeträumt. Jetzt ist es aber an der Zeit dem Wunsch die Welt zu entdecken, die Wichtigkeit zu schenken, welche es nun inzwischen für mich persönlich und mein Leben bekommen hat. Und ja, seine Reaktion macht mir Angst. Ich habe Angst vor einem Nein bzw. vor dem Schmerz, welches sein Nein in mir auslösen würde. Es ist der Schmerz, mich nicht angenommen und geliebt zu fühlen, so wie ich bin. Und genau dieser Schmerz verdeutlicht mir, dass Reisen ein bedeutsamer Teil meines Seins ist. Und genau aus dieser Angst heraus, habe ich einen für mich doch so bedeutsamen Anteil zurückgehalten, mich meinem Partner gegenüber nicht ganz in meinem Sein und meinen Bedürfnissen gezeigt.

Ende Januar offenbarte ich ihm diesen in mir schlummernden Teil, indem ich ganz ohne irgendwelche Erwartungen, über mich, meine Gedanken und Gefühle sowie meinen Wunsch länger auf eine Reise zu gehen, zu erzählen begann. Die erste Reaktion waren grosse Augen und komplette Sprachlosigkeit und daraus folgend Ignoranz und ein abrupter Themenwechsel. Nun ja, es tat weh, aber gleichzeitig fühlte es sich sehr befreiend an, diesen Teil von mir ausgesprochen zu haben und ich wusste einfach, es ist gut, so wie es ist. Ich gab meinem Sein ganz bedingungslos Raum.

Ich begann immer öfters darüber zu sprechen, auf Entdeckungsreise zu gehen und durch die Welt zu ziehen. So dass, ich inzwischen auch diesen Anteil von mir ganz selbstverständlich zum Ausdruck bringen darf. Und genau dadurch, dass ich dem Thema einfach Raum gegeben habe, ohne dabei etwas Konkretes zu erwarten, hat sich so unglaublich viel verändert. Erst rückblickend wird mir nun bewusst, wie oft ich mich in dieser Hinsicht ganz unhinterfragt zurückgenommen, mich selbst unterdrückt und somit ganz unbewusst in meinem Sein eingeschränkt habe.

Somit darf ich noch etwas mehr mich selbst sein… und wiederum ein bisschen freier werden.

Immer mehr in mein Sein kommen und vertrauen

Ob ich Nomadenblut in mir trage oder doch lieber an einem Plätzchen sesshaft bin, ich werde es nicht wissen, bis ich losgezogen bin, es ausprobiert und selbst erfahren habe. Was inzwischen Zeit entstanden ist, ist ein Vertrauen, dass genau das heranreifen wird, was reifen soll und es die Zeit zeigen wird. Ob daraus eine Reise wird oder nicht, … wir werden uns überraschen lassen.

 

Bist du dir deiner Vergänglichkeit bzw. deiner Lebendigkeit bewusst? Oder nimmst du dein Leben eher als selbstverständlich hin?

Lebst Du dein Leben wirklich?

Welche Bedeutung hat für dich das Reisen?

Ich freu mich von dir zu lesen.

1 Kommentar

  1. Veröffentlich von Melanie am 3. August 2018 um 11:00

    Oh was für ein schöner aber auch nachdenklicher Artikel. Ich reise auch sehr gerne und stelle selbst Yogareisen auf meinem Yoga & Lifestyle Magazin http://www.ganzwunderbar.com/yogareisen vor. Tolle Seite hast du hier. Schau doch auch gerne mal vorbei!
    Ganzwunderbare Grüße
    Melanie

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