Gefangen im Hamsterrad – Die Macht unserer Illusionen (1/3)

Meine ganz persönliche Geschichte (Teil 1/3). Lange Zeit glaubte ich, ich wäre die Einzige, welche mit all diesem Wirrwarr an Gedanken und Gefühlen zu kämpfen hatte. Ich fühlte mich als Versagerin und hatte Angst, darüber zu sprechen.
In einem männerdominierten Arbeitsumfeld gab es keinen Platz für Gefühle – und doch spürte ich, dass unglaublich viel verschwiegen wird. Ich war längst nicht die Einzige, welche am Limit ihrer Kräfte stand – aber niemand sprach darüber. Schliesslich ging es um Ansehen, Leistung, Stärke und Erfolg.
Heute kann ich in Frieden zu all meinen Erfahrungen stehen und es ist mir ein Herzensanliegen, darüber zu schreiben.
Ich weiss und habe es selbst erfahren, das Leben hat viel mehr zu bieten, als den Alltag nur in einem roboterähnlichen Zustand hinter uns zu bringen. Ja, wir können frei sein!

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Morgens in aller Frühe aufstehen, mich völlig schlafbetrunken ins Büro schleppen, mich dort in die endlosen Berge von Arbeiten stürzen, den ganzen Tag ununterbrochen Leistung erbringen, mich spät abends wieder nachhause schleppen, noch schnell etwas essen, kurz und völlig geistesabwesend ein paar Worte mit meinem Liebsten austauschen und mich dann todmüde ins Bett fallen lassen – genau das war mein (Lebens-)Alltag. Und am nächsten Tag ging das Ganze wieder von vorne los. Zu meinen Rekordzeiten nicht selten an 7 Tagen die Woche.

Von Leben war da eigentlich keine Rede mehr. Ich funktionierte – wie ein Roboter. Die zu erledigende Arbeit schien endlos. Das Büro war sozusagen mein Zuhause. Die Arbeit hatte immer erste Priorität. Ja, ich lebte für die Arbeit. Ich dachte das muss so sein – insbesondere, wenn man erfolgreich und glücklich sein möchte.

Arbeiten bis zum Umfallen, aus tiefster Angst, plötzlich nichts mehr wert zu sein

Jahrelang habe ich mich komplett über die Arbeit definiert, mich von den in unserer Gesellschaft geltenden Werten und Normen leiten lassen. Ich wollte Erfolg-Reich sein. Dabei erschien dieses „mit dem Strom schwimmen“, für mich wohl einfach der einfachste und erfolgsversprechendste Weg zu sein – insbesondere, um nirgends anzuecken und als Person nicht in Frage gestellt zu werden. Lob, die entsprechende Anerkennung und Erfolge blieben auf alle Fälle nicht aus.

Ich leistete, ich funktionierte und in den meisten Fällen hatte ich auch Spass dabei. Und so paradox dies klingen mag, ich liebte es, meine eigenen Leistungsgrenzen auszuloten. Auf diese absurde Art und Weise gelang es mir, in Kontakt mit mir selbst zu kommen, mich selbst einigermassen wieder zu spüren – und wohl genau dadurch offenbarte sich dann dieses Gefühl von Genugtuung, Befriedigung und trügerischer Freude.

Letztendlich war mein Wohlergehen aber von meiner Leistung abhängig. Das wurde mir vor allem an den Tagen bewusst, an welchen ich mit meiner Arbeit nicht vorwärts kam bzw. nicht viel erledigte – dann fühlte ich mich enttäuscht und mich wertlos. Das war wiederum ein Grund mehr, mich noch tiefer in die Arbeit zu stürzen und noch härter mit mir selbst zu sein.

Und natürlich, tauchten da auch all die Fragen über den Sinn des Ganzen auf. Diese stellten rigoros alles in Frage und somit empfand ich diese als Belästigung und zusätzliche Belastung, so dass ich diese einfach verdrängte.

Ist das wirklich alles, was das Leben mir zu bieten hat?

Ja, ganz tief in meinem Innersten, war dieser Funken Hoffnung, dieser Lichtblick, dass das Leben doch mehr zu bieten hätte. Etwas schrie nach Freiheit. Immer öfter spürte ich, dass ich mir selbst etwas vormachte, ich einfach eine Rolle spielte, welche mir selbst gar nicht entsprach.

Gleichzeitig fühlte ich mich in meinem Handlungsspielraum äusserst eingeschränkt und glaubte, dass nur ganz besondere und auserwählte Menschen ihr Leben nach ihren wahren Wünschen und Träumen gestalten könnten.

Ich fühlte mich wie eine Gefangene.

Es waren diese scheinbar vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen, die Illusion den Erwartungen anderen entsprechen zu müssen, das Bedürfnis erfolgreich zu sein sowie der Wunsch nach vermeintlicher Absicherung, welche mich zum Erstarren brachten.

 

Am Tiefpunkt meines Lebens angelangt

Rigoros hielt ich also an meinen so scheinbar erstrebenswerten Karrierezielen fest – und zwar solange, bis ich fast komplett den Kontakt zu mir selbst verlor. Ich hatte keine Ahnung mehr, wer ich eigentlich bin, was ich kann und will.

Ich litt, war am Ende meiner Kräfte und war kurz davor, meine letzte Hoffnung aufzugeben. Meine Wahrnehmung war komplett eingeschränkt. Da war absolut kein Raum mehr für irgendwelche Inspirationen von aussen. Ich war nur noch mit mir selbst beschäftigt.

Verzweifelt versuchte ich mein unaufhörliches Gedankenwirrwarr in den Griff zu kriegen und mich an irgendetwas festzuhalten. Aber da waren nur noch diese übermächtigen inneren Stimmen „Du musst das schaffen, du musst stark sein“, „Du darfst auf keinen Fall Schwäche zeigen“, „Jetzt hast du bereits so viel Zeit in dein Vorhaben investiert, hast gekämpft und gelitten, jetzt kannst du doch nicht einfach aufgeben“ und unzählige mehr.

 

Um mir selbst zumindest ein wenig das Gefühl von Sicherheit zurückzugeben, versuchte ich alle und alles um mich herum zu kontrollieren. Aber das machte die ganze Situation noch viel schlimmer.

Ich war so verunsichert, dass ich mich nicht mal mehr auf mich selbst verlassen konnte. Ich hatte Angst, es alleine nicht mehr zu schaffen. Oftmals weinte ich nur noch – aus ganz unerklärlichen Gründen – und dafür fühlte ich mich schlecht.

Ich erlebte Stress auf allen Ebenen – oh ja, Stress war mein Dauerzustand.

Oftmals konnte ich kaum mehr atmen, nicht selten spürte ich mein Herz rasen, die Brust stechen und immer öfters schmerzte mein Rücken so fest, dass ich mich kaum mehr bewegen konnte. Aber ich ging jeden Tag zur Arbeit, unermüdlich, denn ich wusste, würde ich nur einmal fehlen, wäre es wohl um mich geschehen. Irgendwie musste ich es doch schaffen!

Ich fühlte mich wie ein Hamster in einem Laufrad. Ich rannte und rannte und wusste nicht mehr wofür und wohin! 

Ich war komplett gefangen in meinen eigenen Programmierungen. Denn in Wahrheit war ja niemand da, der mir gesagt hätte, du musst das machen oder der mich gar dazu gezwungen hätte.
Alles existierte nur in meiner Vorstellung.
Alles war nur Illusion.

Im Grund genommen war ich doch auch nur ein ganz verletzliches Menschenkind, welches wie jedes von uns, nur erkannt und geliebt werden wollte, genauso wie es eben ist – ohne Wenn und Aber, ganz in seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit.

 

Wie es mit meiner Geschichte weitergeht, erfährst du nächste Woche in meinem Blog. Falls du den Impuls verspürst, meine Geschichte mit jemandem zu teilen, bitte ich dich, auf deine Intuition zu vertrauen.

Ein paar Fragen an dich: Ist dir schon mal aufgefallen, wie viele oftmals ganz zusammenhangslose Gedanken dir am Tag durch den Kopf gehen? Hast du dir auch schon mal die Zeit genommen, diese inneren Selbstgespräche ganz achtsam und bewusst wahrzunehmen?

Gedanken sind übrigens menschlich und ganz normal und es wäre eine Illusion zu glauben, dass unser Geist frei von Gedanken sein sollte. Dasselbe gilt für unsere Emotionen. Die Wahrnehmung und der Umgang mit ihnen, machen jedoch der Unterschied.

Hast du schon mal diese kaum hörbare innere Stimme, welche sich ab und zu und oftmals ganz schüchtern, tief aus deinem Herzen bemerkbar macht, wahrgenommen? Und was sagt sie dir?